Nora Gomringer zu Gast am Reuchlin-Gymnasium!

Gomringer
Ludus verbalis – ein Spiel mit den Worten, so könnte man das beschreiben, was uns Reuchlinianern am 22. März am Vertretungsplan nur als „Lesung Q11/12“ angekündigt worden war. Eingeladen war Nora Gomringer, eine dem Publikum zum größten Teil unbekannte Schriftstellerin, die jedoch in der Literaturszene große Bekanntheit hat. So gewann sie bereits zahlreiche Literaturpreise, etwa den Ingeborg-Bachmann-Preis 2015. Dass sie all ihre Auszeichnungen zu Recht erhalten hat, zeigte sie der Oberstufe in einem eindrucksvollen einstündigen Vortrag. Umrahmt wurde dieser von der Moderation durch Mariam Avaliani, Kilian Funk und Oliver Mößmer.
Nora Gomringers Auftritt begann mit ihrem „Ursprungsalphabet“, in dem sie sofort dem erst verblüfften, dann mitgerissenen Publikum alle Möglichkeiten der Sprache und des Sprechens darbot: mal schnell, mal ganz langsam, im nächsten Moment leise und behutsam, fast geflüstert, daraufhin majestätisch und mit voller Stimmgewalt. Gleichzeitig versteckt sie in diesem Gedicht Anspielungen auf die Geschichte, wie den römischen Kaiser Hadrian und seinen berühmten Wall, auf die Naturwissenschaften, die Mythologie und die Literatur.



Ebenfalls sehr ergreifend war das „Schlaflied für die Sehnsucht“ von Selma Meerbaum-Eisinger. Gomringer, die übrigens ausgebildete Sopranistin ist, begnügte sich hier nämlich nicht nur mit einer „normalen“ Interpretation, sondern vertonte dieses Werk. Sie erzählte zudem die Geschichte Selmas, die mit nur 18 Jahren in einem Arbeitslager der Nationalsozialisten in der heutigen Ukraine einer schweren Krankheit erlag. Überhaupt spielen der Nationalsozialismus und die Verbrechen des Holocaust eine große Rolle in vielen Gedichten Gomringers, so auch in einem Triptychon, das in drei Sprechtexten die Rolle der „normalen“ Bürger, Opfer und Täter sehr gelungen darstellt. So bereut der einfache Bürger sein Mitläufertum, er wünscht sich, er hätte „nicht gegrüßt“, „nicht braun getragen“. Gomringer beschreibt die Situation im Vernichtungslager „A-schw-itz“ mit Tränen, Durst, Verderben. Die Täter wollen verdrängen, an der Vernichtung mitgewirkt zu haben.
Gegen Ende des einstündigen Vortrags ging Gomringer dann zu einem eher lustigen, schaurigen Thema über: Märchen. Sie zeigte mit Texten wie dem „Froschkönig“ oder „Rumpelstilzchen“ eine unheimliche, seltsam-gruselige Dimension der altbekannten Geschichten. Zum Schluss stellte sie Texte aus ihrem Gedichtband über Krankheiten dar und jagte damit vielleicht so manchem einen kalten Schauer über den Rücken.
Besonders war an Nora Gomringers Auftritt nicht zuletzt, dass die Schüler nicht nur aufmerksam zuhörten, sondern jederzeit nachhaken durften. So wurden, während der Lesung und vor allem danach, als die Dichterin noch lange von zahlreichen Jugendlichen umringt war, viele Fragen gestellt. Großer Applaus würdigte diese Mischung aus Lesung, Rezitation und Performance – und auch in der lokalen Presse sowie im Kulturkanal erschienen nach dem Auftritt sehr schöne Besprechungen. Hier am Reuchlin wünscht man sich, dass Nora Gomringer wieder einmal uns Schülern die Gattung Lyrik in Form ihrer Gedichte und Sprechtexte nahebringt.

Lukas Artinger, Q12