Nicht nur ein baulicher Neuanfang: die Entstehung des späteren „Reuchlin“ in den 1890er Jahren

„Wenn ich mein Sprachgefühl ganz gewissenhaft erforsche, so finde ich dieses: gebildet ist, wer nicht mit der Hand arbeitet, sich richtig anzuziehen und zu benehmen weiß, und von allen Dingen, von denen in der Gesellschaft die Rede ist, mitreden kann. Ein Zeichen von Bildung ist auch der Gebrauch von Fremdwörtern, das heißt der richtige: wer in der Bedeutung oder der Aussprache fehlgreift, der erweckt gegen seine Bildung ein ungünstiges Vorurteil. Dagegen ist die Bildung so gut wie bewiesen, wenn er fremde Sprachen kann. Damit kommen wir dann auf das letzte und entscheidende Merkmal: gebildet ist, wer eine höhere Schule durchgemacht hat.“ (Friedrich Paulsen, Pädagoge, 1903)

altbau

Das Schulhaus kurz nach der Fertigstellung

Bildung, auch wenn man heute anderes darunter versteht als im Deutschen Kaiserreich, in dem Friedrich Paulsen lebte, diente nie nur dazu, anwendbares Wissen zu erwerben; oft war und ist sie ein Mittel der Abgrenzung nach „unten“ - eines der Selbstvergewisserung, zur gesellschaftlichen Elite zu gehören. Da sich im 19. Jahrhundert der Besuch einer „höheren Schule“ als unabdingbarer Bildungsbeleg durchsetzte, schmerzte es den ehedem ersten bayerischen Universitätsstandort Ingolstadt umso mehr, kein Prestige bringendes Gymnasium vor Ort zu haben, zumal die wachsende bürgerliche Schicht nach einer adäquaten Schule für ihre Söhne verlangte.
Immerhin gab es die fünfstufige „Königliche Lateinschule in Ingolstadt“ unter dem Subrektor Alois Mayr aus Landshut, der von 1863 bis zum Juli 1894 an der Anstalt unterrichtete und sich zusammen mit der Stadt unermüdlich für deren Aufwertung eingesetzt hatte. 110 Buben, die von 15 Lehrern unterrichtet wurden, besuchten sie im Jahr 1892. Wollten sie aber im Anschluss auf ein Gymnasium – etwa in Neuburg oder München – übertreten, mussten sie dort erst eine Aufnahmeprüfung bestehen, auch wenn sie, wie es die Stundentafel vorsah, in der Abschlussklasse von 28 Wochenstunden mit damals 50 Minuten 14 Stunden auf das Erlernen der alten Sprachen Latein und Griechisch verwendet hatten.
Doch die Weichen für eine Erweiterung waren gestellt: 1892 hatte die Stadt für 60 000 Mark ein knapp 5000 Quadratmeter großes Gartengrundstück in der „verlängerten Neubaugasse“, wie die Gymnasiumstraße in Ermangelung des heutigen Namens hieß, gekauft und ließ in den Jahren 1893 und '94 für 200 000 Mark dort ein Schulgebäude – den jetzigen Altbau – errichten, der damit genau so alt ist wie das Berliner Reichstagsgebäude und die Tower Bridge in London; nach damaliger Kaufkraft beliefen sich die Kosten insgesamt auf umgerechnet etwa 1 612 000 Euro. Der neue „Königliche Rektor“ Ignaz Rummelsberger, der nicht müde wurde, deswegen die „große Opferwilligkeit“ der Stadt zu preisen, schließlich organisierte dann den Umzug im Schuljahr 1894/95, der mit der Umwandlung zum sechsstufigen „Königlichen Progymnasium zu Ingolstadt“ zusammenfiel, das einen nahtlosen Übertritt auf ein humanistisches Gymnasium ermöglichte und mit der „wissenschaftlichen Befähigung zum einjährig-freiwilligen Dienst“, einem Vorläufer der Mittleren Reife, abschloss. Diese Qualifikation war einerseits – wichtig in der Garnisonsstadt Ingolstadt – Voraussetzung der Offizierslaufbahn, doch konnte man mit der freiwilligen Meldung zum einjährigen Militärdienst, der dann selbst zu finanzieren war, auch die dreimal so lange Wehrpflicht umgehen, was manch bürgerlichem Sohn wohl nicht ungelegen kam.
Die Attraktivität dieses neuen Schultyps schlug sich denn auch in steigenden Schülerzahlen nieder: So besuchten 1894/95 147 Jungen das Progymnasium in seinem „neuen stattlichen Gebäude“, so Rummelsberger, davon allein 44 in der ersten (also nach heutiger Zählung fünften) Klasse, wobei das Schulgeld je nach Klassenstufe zwischen 30 und 36 Mark jährlich betrug, etwas weniger als der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters, während es etwa ein Gymnasiallehrer je nach Alter auf 175 bis zu 350 und ein Regimentskommandeur auf maximal 880 Mark monatlich brachte. Ganz problemlos ließen sich die Buben aber wohl nicht beschulen: Vorrangiges Ziel des Deutschunterrichts für die unterste Klasse war, sie „mit besonderer Berücksichtigung einer deutlichen, möglichst dialektfreien Aussprache“ im Vorlesen zu unterweisen, während der Rektor sich darum mühte, allzu ehrgeizige oder ängstliche Eltern von selbst erteiltem häuslichen Lateinunterricht abzuhalten, um vermeintlich die Startchancen ihrer Söhne zu erhöhen, und sie darauf hinwies, dass „dies für die Schüler selbst nur nachteilig ist.“
Von Dissonanzen geprägt war wohl die Einweihungsfeier des neuen Gebäudes, die, wie der Rektor Rummelsberger monierte, nur aus einem Gottesdienst bestand, „da zu einer öffentlichen Eröffnungsfeier mit musikalisch-deklamatorischen Vorträgen keinerlei Vorbereitungen getroffen worden waren.“ Auch das Maifest, damals obligatorisch im Jahresablauf der Schule und ein traditioneller Honoratiorentreff, entfiel im Frühling 1895 ersatzlos. Nach der ersten Abgangsprüfung im Juni, zu der der neuen Schule wie üblich ein beaufsichtigender Kommissär vom Münchner Maximiliansgymnasium geschickt wurde, scheinen sich die Wogen jedoch wieder geglättet zu haben.
Und schon zwei Jahre später, im September 1897, ebnete sich auf den Druck der Stadt hin der Weg zur Einrichtung einer „höheren Schule“ in Ingolstadt: Um erste organisatorische Maßnahmen zu treffen, besuchte der Regierungspräsident Ritter von Auer das Progymnasium, dem im Mai 1898 „Seine Exzellenz Herr Kultusminister Dr. Ritter von Landmann“ mit einigen Abgeordneten, Ministerialreferenten und dem Kreisbaurat folgte und der, glaubt man den rektoralen Schilderungen, voll des Lobes war: „Seine Exzellenz sprachen über den stattlichen und zweckentsprechenden Bau und über die Errichtung der Anstalt ihre vollste Zufriedenheit aus.“ Ab dem Schuljahr 1898/99 logierte dann im damaligen Neubau und heutigen Altbau das bald neunstufige „Königliche Humanistische Gymnasium Ingolstadt“, das heutige „Reuchlin“, das 1901 seine ersten Abiturprüfungen abnahm und Ingolstadt damit nach dem Wegzug der Universität wieder zu einem Bildungsstandort machte – denn, um auf Pauli zurückzukommen, „gebildet ist, wer eine höhere Schule durchgemacht hat.“ Das Bemühen, einem weniger exklusiven und ständischen Bildungsanspruch als dem der 1890er Jahre gerecht zu werden, verkörpern dann freilich erst spätere An- und Umbauten – und nicht zuletzt der transparente, zur Straße hin geöffnete Neubau des 21. Jahrhunderts.

Eva Heindl