Der Humanist Johannes Reuchlin – ein Vorkämpfer religiöser Toleranz


Johannes Reuchlin (1455–1522), ein Mann „von ganz untem aus dem Volk“, wie er es selbst einmal formulierte, gilt als einer der großen Humanisten Deutschlands mit einer ungewöhnlich steilen Karriere: Schon als Jugendlicher, als Schüler und Student, war er neugierig auf die Welt und ihr Wissen, und so hielt es ihn nie lange an einem Ort, sondern er wechselte immer wieder die Universität, um die großen Gelehrten seiner Zeit zu hören, neue Menschen und mit ihnen neue Gedanken kennenzulernen. Sein Interesse für die Philosophie, für die Wissenschaft vom Recht und vor allem für die von ihm so geliebten Alten Sprachen − das Lateinische, das Griechi-sche sowie später im Besonderen das Hebräische − führte ihn nach Freiburg im Breisgau, von dort nach Paris und schließlich nach Basel, wo er nicht nur seinen ersten akademischen Titel erwarb, sondern auch sein erstes Werk, ein kleines lateinisches Wörterbuch, veröffentlichte − und da war er kaum älter als ein Abiturient heute!

Jedoch kein Grund für Johannes Reuchlin, sich auszuruhen, im Gegenteil: Weiter ging es − nochmals über Paris − nach Orléans sowie nach Poitiers und dort zum zweiten Universitäts-abschluss. Dieser ermöglichte es dem jungen Mann nun auch, sein eigenes Geld zu verdienen: Denn in Stuttgart, am Hofe von Eberhard von Württemberg, konnte Johannes Reuchlin endlich seine umfangreichen Kenntnisse und alle erworbenen Fähigkeiten entfalten, als Berater dem Herzog in wichtigen Angelegenheiten Wege weisen, als Verfasser rhetorisch brillanter Reden das Publikum in seinen Bann ziehen und als Beisitzer am Hofgericht dem Recht Gehör verschaffen. Begeistert von der jungen Tübinger Universität, die Eberhard von Württemberg 1477 gegründet hatte, schrieb Reuchlin sich dort sogleich wieder als Student ein, um selbst weiterzulernen und um gleichzeitig seine Ideen von Bildung in die Praxis umzusetzen. 1492 erhob in Kaiser Friedrich III. in den Adelsstand.

Aber Johannes Reuchlin blieb jederzeit kritisch, beobachtete aufmerksam die politische Entwicklung in Württemberg, und als er diese für nicht mehr tragbar hielt, zögerte er keine Sekunde, alles aufzugeben und um Asyl zu bitten: am Heidelberger Hofe von Philipp, dem Kurfürsten von der Pfalz. Später wurde er dann in Ingolstadt zum ersten Professor für die Sprachen Griechisch und Hebräisch ernannt und konnte so noch einmal vielen jungen Menschen den für ihn wichtigsten wissenschaftlichen Grundsatz mit auf den Weg geben: „Zurück zu den Quellen!“ Die letzten Jahre seines Lebens jedoch verbrachte Reuchlin in jenen beiden Städten, die er am meisten geliebt hatte: in Tübingen und in Stuttgart.

Johannes Reuchlin war ein waschechter Italienfan: In Rom diskutierte er mit Papst Sixtus IV. über das richtige Lehren und Lernen, in Florenz traf er − wie sollte es anders sein? − berühmte Philosophen am Hof der Medici und freundete sich mit Pico della Mirandola an, dem Verfasser der Schrift „Über die Würde des Menschen“. Jede freie Minute aber verbrachte er in Bibliotheken, über wertvolle, seltene Bücher und Originaltexte gebeugt.

Doch auch in dieser ihn so faszinierenden ‚Welt des Geistes‘ bewahrte sich Reuchlin sein eigenständiges Denken, und folglich hatte er den Mut, sich auch deutlich zu distanzieren und an nicht wenigen Gelehrten scharfe Kritik zu üben, scharfe Kritik an der Ablehnung der Juden und an der Verachtung des jüdischen Glaubens. Er stand auf gegen Verfolgung und Schmähungen, er forderte laut religiöse Toleranz und den Dialog; entsprechend ließ er in seinen Hauptwerken immer Vertreter verschiedener Sichtweisen auftreten und in weisen Gesprächen miteinander diskutieren. Unterstützt von seinen zahlreichen humanistischen Freunden − neben anderen von Erasmus von Rotterdam −, prangerte Reuchlin, ungeachtet vieler Angriffe auf seine Person, vehement jedes Vorgehen gegen die Juden an, stellte sich gegen die Zerstörung ihres Kulturgutes, wandte sich gegen die Beschlagnahmung und Verbrennung ihrer Bücher. Öffentlich forderte er immer wieder, das jüdische Leben und die jüdische Literatur unvoreingenommen zu studieren.

Reuchlins Buch „Augenspiegel“, auf dessen Titelseite eine Brille zu sehen war, erschien 1511 zur Frankfurter Buchmesse – und löste einen Skandal aus: Denn in ihm pochte Reuchlin mit juristischen Argumenten darauf, dass kein Christ berechtigt sei, Andersgläubige mit Gewalt zu bekehren.  Jene seien nämlich, so schrieb er, „in Dingen, die ihren Glauben betreffen, einzig ihresgleichen und sonst keinem Richter unterworfen“. In seinem letzten Werk – „Die Kunst der Kabbala“ – lobte Johannes Reuchlin die jüdische Frömmigkeit. Sein Anliegen ist heute eine Selbstverständlichkeit: dass sich ein Christ seiner jüdischen Wurzeln bewusst sein muss.

Fast zehn Jahre sollte der erbitterte Streit um Reuchlins mutige Haltung zum Judentum dauern – doch er konnte es nicht verhindern, dass die Kirchen weiter in den Sog der Judenfeinschaft gerieten. Polemische Schriften kamen gegen ihn im Umlauf und er wurde der Ketzerei beschuldigt. 1514 brannte sein „Augenspiegel“ in Köln auf dem Scheiterhaufen der Inquisition, 1520 setzte Papst Leo X. das Druckwerk gar auf den Index der verbotenen Bücher.

Johannes Reuchlin starb, ebenso berühmt wie von weiten Kirchenkreisen verachtet, am 30. Juni 1522 in Stuttgart.