Warum wir Sphynxkatzen eklig finden - Von Toleranz, Fremdenhass und der Angst vor dem Unbekannten von Margherita Ragucci

SphynxkatzeEs ist 23.11 Uhr, als mein Handy einen Pfeifton von sich gibt und mir ein Freund ein Foto einer nahezu nackten Katze schickt. Darunter schreibt er, er fände diese sog. Sphynxkatzen „einfach nur eklig“. Als er mich darauf nach meiner Meinung fragt, antwortete ich, dass ich sie eigentlich ganz süß fände. Ungläubig fragt er mich, ob das mein Ernst sei, und ich bejahe. Danach schalte ich mein Handy aus und gehe schlafen.
Jetzt sitze ich hier, es ist 3.51 Uhr morgens und ich starre auf den Bildschirm meines Laptops, denn mir geht die Szene von vorhin nicht aus dem Kopf. Wieso hat die Katze auf meinen Bekannten so abstoßend gewirkt? Im Grunde sind Katzen doch in Deutschland gern gesehen, ein beliebtes Haustier. Eine felllose Katze ist mir hier allerdings auch noch nie untergekommen. Ist das vielleicht der Grund für die Abwehrreaktion, die die Katze für manche auslöst? Etwas, was neu ist, betrachtet man oft mit Vorsicht und Skepsis, oder eben auch mit Misstrauen. Objektiv gesehen könnte man natürlich argumentieren, dass das Tier ästhetisch nicht wirklich ansprechend sei, aber dennoch ist es nicht „widerlich“ oder „einfach nur eklig“.
Anderssein wird anscheinend immer mehr zum Fluch. Von Individualität kann man nicht mehr sprechen, wenn jeder, der anders ist, mit einem skeptischen oder sogar abwertenden Blick angesehen wird, eben nur weil er sich von der Norm unterscheidet. Wie die Katze.
Doch vielleicht wäre es an der Zeit, offener für neue Dinge, neue Menschen zu sein. Mir kommt gerade das Wort Toleranz in den Sinn. Handelt der Begriff im Grunde genommen nicht einfach davon, andere Dinge, die sich vom Standard unterscheiden, zu achten und zu dulden? Das Szenario mit der Katze war nur ein Beispiel, denn wenn man genau überlegt, treffen wir im Alltag so oft auf Ungewohntes, Unbekanntes, für uns Anormales. Reagiert man in solchen Momenten nicht auch oft skeptisch oder abfällig? Man sagt, man möge z.B. den neuen Mitschüler in der Klasse nicht, einfach weil er neu ist und wir ihn nicht kennen. Jetzt frage ich mich, ob es nicht an der Zeit wäre, die eigene Denkweise zu überdenken. Wenn wir den neuen Mitschüler genauer kennenlernen - erst dann haben wir das Recht, uns eine Meinung bilden zu dürfen, und bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir das können, müssen wir ihn tolerieren.
Toleranz ist ein so wichtiges Thema, insbesondere jetzt, wo so viele Menschen aus anderen Ländern flüchten. In meinem Freundeskreis gibt es einige, die gegen die Aufenthaltserlaubnis von Flüchtlingen in Deutschland sind. „Die nehmen uns das Geld und die Arbeitsplätze weg“, tönt es oft aus deren Reihen. „Wieso?“, frage ich mich dann oft. Vermutlich wissen diese Menschen nicht, wie es den Flüchtlingen geht. Welcher der Grund für deren Aufbruch aus dem Heimatland ist. Nicht etwa, das Verlangen den Deutschen „das Geld aus der Tasche zu ziehen“ oder die „Arbeitsplätze zu rauben“. Jeder Mensch hat eine gewisse Heimatverbundenheit, deswegen verlässt eigentlich niemand grundlos die Heimat. Ist es fair, diese Frauen, Männer, Kinder, für die die Reise in ein fremdes Land schwer genug ist, auch noch mit einer dermaßen negativen Einstellung zu begrüßen? „Wir wollen euch nicht“? Ich glaube kaum, dass jemand der flieht, um sein Leben zu schützen, so begrüßt werden soll. So darf niemand begrüßt werden. Auch im Internet auf Instagram und Co. lese ich immer mehr Kommentare, die einen deutlichen Fremdenhass zeigen. Ich denke, Fremdenhass ist eine Form der Angst. Eine Angst, aus dem gewohnten Umfeld verdrängt zu werden. Aus seiner angestammten Rolle in der Klasse verdrängt zu werden, wenn es einen neuen Mitschüler gibt. Im Beruf die Position zu verlieren. Oder eben aus Deutschland verdrängt zu werden.
„Es gehört oft mehr Mut dazu, die Meinung zu ändern als ihr treu zu bleiben“, sagte schon Friedrich Hebbel, ein deutscher Lyriker und Dramatiker. Und das ist der Punkt. Wir müssen unsere Meinung ändern, noch besser, uns erst selbständig eine bilden, wenn das möglich ist. Angst ist ein Gefühl, das wir nicht durch Hass an Fremden auslassen dürfen.
Mir fällt gerade ein, dass meine Eltern eine Tierhaarallergie haben, vielleicht kann ich sie dazu überreden, dass wir uns eine Sphynxkatze kaufen. Die sind ja eigentlich doch recht süß, und das werden meine Eltern bestimmt noch erkennen. Aber ich lege mich jetzt wieder schlafen.