„Alles, was der Lehrer sagt, solltest du als Kinofilm sehen“ – Interview mit dem Gedächtnistrainer Oliver Geisselhart

Oliver GeisselhartOliver Geisselhart ist einer der erfolgreichsten Mental- und Gedächtnistrainer. Er ist zudem Autor von 13 Büchern, darunter auch einigen Bestsellern. Ich durfte ihn auf den BrainDays in Nürnberg Ende September 2017 kennenlernen und habe wenige Monate später ein Interview mit ihm per Telefon geführt.
Reuchlin-Kurier: Welchen Beruf haben sich denn deine Eltern früher für dich vorgestellt?

Oliver: Also, ganz ehrlich, wenn ich mich daran zurückerinnere, ich wüsste es gar nicht. Ich glaube, gar keinen. Nee, wirklich… Ich wüsste nicht, dass ich mit meinen Eltern jemals darüber diskutiert habe, was ich werden will oder werden soll. Davon war nie die Rede.

RK: Das ist doch auch besser. So konntest du dich frei entfalten und konntest deine Eltern nicht enttäuschen, als du diesen Weg eingeschlagen hast.

Oliver: Ach warte, stimmt, da kommt was. Wir – meine Eltern und ich – dachten einmal, dass Bankkaufmann das Richtige wäre. Ich habe mich dann auch bei einer Sparkasse beworben, habe aber den Ausbildungsplatz zum Glück nicht bekommen.

RK: Was macht dir denn jetzt am meisten Spaß an deinem Job?

Oliver: Mir macht am meisten Spaß, dass ich anderen Menschen helfen kann. Wenn ich irgendwo auch nur kleine Anstöße geben kann und dadurch helfen kann, das ist das, was mir am meisten Spaß macht.

RK: Bist du denn sehr nervös vor Auftritten, wie den BrainDays und was machst du dagegen?

Oliver: Die BrainDays sind ja meine eigene Veranstaltung, daher bin ich auch nervöser als bei anderen Veranstaltungen. Weil bei den BrainDays zum Teil die ganze Technik und der ganze Ablauf von mir kommt und mein Team da mit dabei ist, deswegen ist die Anspannung ein bisschen größer. Wenn ich irgendwo anders gebucht werde, bin ich weniger nervös. Aber ich bin immer ein wenig aufgeregt und habe immer ein bisschen Lampenfieber. Ich tue gar nichts dagegen. Ich freue mich sogar darüber.

RK: Wieso?

Oliver: Ich freue mich darüber, weil ich merke: Aha, das, was jetzt gleich kommt, ist mir wichtig und ich nehme das nicht auf die leichte Schulter. Denn wenn ich nicht nervös wäre, dann wäre mir das Ganze nicht wichtig. Und dann liefere ich 0815-Arbeit ab, das möchte ich nicht. Sollte ich merken, dass da zu viel Nervosität ist, dann bewege ich mich ein bisschen und baue sie durch die Bewegung ab.

RK: Das sind auf jeden Fall gute Tipps!

Oliver: Das stimmt. Das kann auch jeder vor einer Prüfungssituation anwenden. Gut ist für mich auch, wenn ich mir nochmal bewusst mache, dass nicht ich bewertet werde, sondern das, was ich abliefere.

RK: Kommen wir nun zu den Fragen zum Thema Zukunft. Meine erste Frage wäre, was du dir denn unter dem Begriff „Zukunft“ vorstellst.
Oliver: Um ehrlich zu sein, gar nichts. Ich habe meine Ziele und selbst die sind für mich im Moment – und der Moment ist ja immer – nicht so wichtig, weil ich das Ziel eigentlich nur brauche, um den Weg zum Ziel zu kennen.

RK: Das passt dann auch zu meiner nächsten Frage. Wo siehst du dich in 20 Jahren?

Oliver: In 20 Jahren sehe ich mich mit weißem Haare immer noch auf der Bühne. Aber vielleicht nicht so häufig wie im Moment und am besten auch in einem eigenen Seminarzentrum, zum Beispiel auf Mallorca.

RK: Wie hast du dir denn als Jugendlicher das Erwachsenenleben vorgestellt?

Oliver: Ich dachte eigentlich immer, dass das cool wird. Ich fand nur Schule doof. Ich wollte immer aus der Schule raus, ich wollte immer irgendwie geschäftsmännisch unterwegs sein. Ich habe mir vorgestellt, wie ich mit einem dicken Auto zu irgendwelchen Terminen fahre und total wichtig bin.

RK: Das ist etwas vollkommen anderes, als ich erwartet hätte! Was ist denn dein größter Wunsch für die Zukunft?

Oliver: Dass jeder Mensch sich selbst liebt und seinen eigenen Frieden findet. Und dadurch auch andere Menschen in Frieden lässt und sie zumindest gern hat oder vielleicht sogar liebt bzw. zu lieben lernt.

RK: Okay, dann kommen wir zu den allgemeinen Fragen. Was ist das schönste Kompliment, das du jemals bekommen hast.

Oliver: Da habe ich überlegt, aber mir ist echt nichts eingefallen, weil ich echt viele schöne Komplimente bekomme. Ich kann mich dennoch an eines erinnern, von einer Schülerin bzw. Abiturientin, die mir eine E-Mail geschrieben hat, dass sie mit meiner Gedächtnistechnik für das Abitur gelernt hat und dann die Durchschnittsnote 1,3 hatte und sich dafür bedanken wollte. Das fand ich schon ziemlich cool.

RK: Hast du denn auch Tipps für Schüler gegen Nervosität vor Referaten bzw. allgemein Vorträgen?

Oliver: In der Schule gehört einfach dazu, dass du dich total gut vorbereiten musst. Du solltest echt Ahnung haben von deinem Thema. Du musst für dich selbst sagen können: Ich bin jetzt ein Experte, was dieses Thema angeht, und ich weiß da wirklich alles darüber. Du solltest es nicht einfach nur auswendig lernen, du solltest es verinnerlichen. Du solltest quasi einen Film vor deinem inneren Auge darüber sehen. Kurz vor dem Referat oder vor dem Vortrag einfach nochmal ein bisschen bewegen, Bewegung baut das Adrenalin ab. Und sich auf jeden Fall nochmal verinnerlichen, dass nicht ich bewertet werde, sondern dass ich den Leuten, die mir zuhören, das Thema möglichst gut präsentieren möchte. Das kommt auch bei den Lehrern/ den Prüfern besser an.

RK: Ich denke, das sind auf jeden Fall tolle Tipps für alle. Hast du denn auch noch gute Tipps, damit sich Schüler im Unterricht besser konzentrieren können?

Oliver: Das coolste wäre, wenn es der Schüler/die Schülerin schafft, in Bildern mitzudenken. Also das, was die Lehrerin/der Lehrer sagt, solltest du direkt quasi als Kinofilm sehen. Weil wenn du diesen Film siehst, dann ist da kein anderer Film über irgendwas. Denn es ist ein Trugschluss, dass sich Menschen nicht konzentrieren können – meistens konzentrieren sie sich einfach aufs Falsche.

RK: Okay. Danke für die Antworten und Tipps!


Das Interview führte Tamina Obermeier, Q11.