Tomaten auf den Ohren - Warum wir immer tauber werden und was wir dagegen tun können

Laermschutz Bild„Habt ihr Spaß?“ ruft der Sänger. „Jaa!“ schreien wir, das ausgelassen tanzende Publikum zurück. Wir haben Spaß, und wie! Die wummernden Bässe, die unsere Körper durchfahren, die laute Musik in unseren Ohren. „Habt ihr Spaß? Ich kann euch nicht hören!“ schleudert uns der Musiker noch einmal entgegen. Eine mehr oder weniger subtile Aufforderung, noch lauter zu schreien, noch mehr Stimmung zu machen. Und es funktioniert. Der Lärmpegel scheint sich zu verdoppeln, alles scheint immer lauter zu werden. Die Band, der Bass, das Publikum. Der Abend wird immer besser, wir tanzen uns in Ekstase. Und danach? Danach verlassen wir alle die Konzerthalle. Glücklich, verschwitzt – und mit schmerzenden Ohren. Vorhin konnte uns der Sänger nicht hören, nun ist aus dieser Floskel Wahrheit geworden und wir können tatsächlich nicht mehr hören. Zumindest haben wir Geräusche bzw. ein Fiepen in den Ohren wie bei der Tinnituserkrankung. Zudem hören wir alles gedämpft, als hätte jemand ein Tuch über unsere Ohren gelegt.

Diese Symptome kennt man. Sie treten häufig auf, wenn wir über einen längeren Zeitraum hinweg lauten Geräuschen ausgesetzt sind. Unser Körper reagiert dann auf die Umwelt und sendet über die auftretenden Schmerzen ein Warnsignal aus: Vorsicht, hier ist es zu laut! Auch ich kenne diese Schmerzen und auch ich unterschätze sie viel zu sehr. Hören zu können, scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein. Und laute Geräusche? Die schaden dem Ohr doch nicht wirklich. So denkt man zwar. Aber diese Annahme ist falsch, klärte uns die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml am 21.09.2017 auf, als sie unsere Schule besuchte. Zunächst wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass sich intensiver Lärm nicht nur auf Großveranstaltungen wie Konzerten findet, sondern auch im Alltag omnipräsent ist. Lärmende Mitschüler und Verkehrsgeräusche sind Beispiele für einen hohen Lärmpegel. Dieser schadet uns aber genauso, wie etwas leisere, dafür stets anwesende Geräusche. Unser Körper reagiert umgehend auf die Geräusche unserer Umwelt, sei es mit Stress, Müdigkeit oder Aggressivität. Auch längerfristig beobachtet werden Veränderungen an der Gesellschaft aufgrund des großen Lärms, dem wir tagtäglich ausgesetzt sind. Immer häufiger tritt sogenannte „Lärmschwerhörigkeit“ auf und immer mehr Menschen haben einen Tinnitus. Unter letzterem versteht man permanente, störende Ohrgeräusche, auf die der Mensch selbst keinen Einfluss hat.

Frau Huml wies uns also darauf hin, dass das A und O, um solchen Erkrankungen vorzubeugen, die frühzeitige Prävention, also die Vermeidung von Lärmquellen ist. Wir Menschen müssen Umweltgeräuschen gegenüber sensibilisiert werden, denn häufig können wir gar nicht mehr einschätzen, wie laut und damit schädlich der Alltagslärm ist.

Hierfür stellte sie die neue App namens „Earaction“ des bayerischen Gesundheitsministeriums vor. Diese entstand in Zusammenarbeit mit der Hochschule München. Die App ist sowohl aus einem theoretischen als auch einem praktischen Teil aufgebaut. So erfährt man zunächst etwas über das Ohr und dessen Aufbau, kann sich aber auch praktisch austoben, beispielsweise mit dem Schallpegelmesser. Dieser zeigt an, wie laut das aktuelle Umweltgeräusch ist, und wie lange man sich diesem gefahrlos aussetzen darf. Zudem hat man auch die Möglichkeit auszuprobieren, wie sich die eigene Lieblingsmusik anhören würde, wenn man einen Hörschaden hätte.

Die App soll uns sensibilisieren. Sie soll uns sensibilisieren, damit in Zukunft nicht auf taube Ohren gestoßen wird, wenn es um Lärmprävention geht.

von Margherita Ragucci, Q11