Beitragsseiten

 

Reale Zukunft in der Reuchlin-Bibliothek – Eine Erzählung

Ich habe vor kurzem ein Buch gelesen, in dem Zeitschleifen eine wichtige Rolle spielten. Wenn man eine betritt, bleibt man zwar am selben Ort, befindet sich jedoch in einem anderen Jahrhundert. So etwas Ähnliches ist mir letztens auch passiert.
Es war ein normaler Nachmittag und ich war in der Bibliothek. Normalerweise würde ich in einer Abenteuererzählung jetzt einen Geheimmechanismus hinter dem Bücherregal entdecken und diesen betätigen. Meine Geschichte beginnt jedoch ein wenig unspektakulärer: Vertieft in ein Buch stolperte ich und stieß gegen die Wand. Aber der harte Aufprall fiel aus; stattdessen glitt ich wie in Trance durch die Mauer und gelangte in den Nebenraum, der auf einmal vollkommen anders eingerichtet war als vor fünf Sekunden. Er war nicht mehr voller Bücher, sondern vom Boden bis zur Decke vollgestopft mit kleinen beschrifteten Fläschchen. Wie dämlich ist das denn? Ein Raum, gefüllt mit Fläschchen, deren Inhalt identisch aussieht? Die Leute dort schwebten im Schneidersitz ungefähr eineinhalb Meter über dem Boden. Sie trugen Anzüge, die den Kostümen von Aliens aus Hollywood-Produktionen stark ähnelten. Vor dem Fenster konnte ich raumschiffartige Flugmobile erkennen.
Anscheinend war ich durch unerklärliche Weise in die Zukunft gelangt! Anders konnte ich mir das nicht erklären. Die seltsam bekleideten Leute hatten alle die Augen geschlossen und schienen in der Luft zu meditieren. Hinter einer Theke entdeckte ich einen Jungen, der etwa zwei oder drei Jahre älter als ich war. Wobei ich doch genau genommen dann über hundert Jahre älter wäre als er, oder? Egal, auf jeden Fall war er einen Kopf größer als ich. Er schien nicht sehr überrascht, dass ich plötzlich dastand, als könnte sich hier jeder mit einem „Puff“ von Ort zu Ort teleportieren. Eher neugierig über das Buch in meinen Händen schien er zu sein, und als er meinen Kleidungsstil begutachtet hatte, lachte er lauthals los, sodass die meditierenden Leute aufwachten und grummelnd den Raum verließen. Neugierig wie ich bin, erkundigte ich mich bei ihm über die kleinen Fläschchen. Er erklärte mir freundlich, dass man, wenn man die jeweilige Flüssigkeit eines Fläschchens einnehme, in die Geschichte eindringe, deren Name auf dem Etikett der Flasche stehe. Somit könnte ich zum Beispiel in das Harry Potter Universum reisen und die ganze Geschichte miterleben. Er erklärte weiter, dass auch Archäologen so ihre Nachforschungen anstellen würden. Sie reisten einfach zu einem bestimmten Ort im passenden Jahr und sähen alles live, was vorher mühsam auf Papier festgehalten worden war. Was für eine Revolution der Menschheit!
Ich hätte die Zukunft gerne noch mehr erkundet, aber plötzlich wurde ich unsanft von einer brummigen Bibliothekarin wachgerüttelt. Ich hatte mir den Kopf wohl etwas zu fest gestoßen und war für ein paar Minuten nicht ansprechbar gewesen.
Vielleicht würde unsere Welt in einigen Jahrhunderten genauso so aussehen wie in meiner Traumillusion - wenn die Menschen denn die Alieninvasion überhaupt überleben würden. Es wäre dann selbstverständlich, sich zu teleportieren (viel umweltfreundlicher als unsere heutigen Fortbewegungsmittel) und wir könnten alle historisch wichtigen Momente oder wunderbare Geschichten, die der Fantasie einer kreativen Seele entsprungen sind, miterleben. Aber eine Welt ohne Bücher?! Naja, wir werden sehen. Vielleicht habe ich auch einfach nur eine seltsame Vorstellung der Zukunft.

von Isabelle Mamikonian, 7a