Ganz neu und "druckfrisch":

 

Der Reuchlin Kurier

"Die Psyche"

 

Alice im Psycholand – Wenn sich die Seele spaltet  


„Im Nu war Alice nachgesaust, ohne auch nur von fern daran zu denken, wie in aller Welt sie wohl wieder herauskäme. Ein Stück weit führte der Tunnel geradeaus, doch dann fiel der Gang plötzlich ab, so  unvermittelt, daß an ein Innehalten nicht mehr zu denken war und Alice auch schon in einen abgrundtiefen Schacht hinunterfiel.“ – Lewis Carrol

Jeder kennt wohl die Geschichte von „Alice im Wunderland“, in der das kleine Mädchen Alice durch ein Kaninchenloch in die verrückte und verdrehte Welt von Wunderland fällt. Doch in dem Verhalten der Charaktere lassen sich viele Geisteskrankheiten finden, die auf Krankheiten der Klasse der Psychosen hindeuten. Die kleine Alice zum Beispiel könnte an paranoider Schizophrenie, einer Störung mit Symptomen wie Größenwahn und Halluzinationen, ohne nachhaltige Beeinträchtigung der intellektuellen Fähigkeiten, leiden,der verrückte Hutmacher dagegen an den Nachwirkungen einer Bleivergiftung, durch die Produktion seiner Hüte.

Doch was ist eine Psychose überhaupt? Eine Psychose an sich ist eine Krankheit,  die mit Verlust des Realitätsbezuges einhergeht, oftmals auch mit einem Verlust der Kohärenz (Zusammenhang) des eigenen Wesens. Der Kohärenzverlust entsteht laut Psychotherapeuten dadurch, dass Psychotiker meist nicht in der Lage sind, unannehmbare Triebansprüche zu verdrängen, und diese in selbstständige Bewusstseinssysteme abspalten, die wohlbekannten „Stimmen“.

Die Entstehung derer geht meist auf die Verdrängung von Erlebnissen aus früher Kindheit zurück: Traumata, Missbrauch oder Zurückweisung. Im Gegensatz zu der Neurose, die oftmals durch traumatische Erlebnisse oder unterbewusste Störung der Erlebnisverarbeitung verursacht wird, haben Psychosen organische Ursachen, auch wenn diese manchmal nicht klar erkennbar sind. Man unterscheidet in der Psychiatrie zwischen zwei Arten der Psychose, der endogenen und der exogenen Psychose. Endogene Psychosen sind jene ohne jegliche erkennbare organische Ursache, wobei nicht auszuschließen ist, dass eine vorhanden ist. Exogene hingegen lassen sich auf Organ-,  bzw. Hirnveränderungen zurückführen, zum Beispiel auf Folgeerscheinungen eines Tumors oder auf einen Vergiftungszustandes, wie er bei der Halluzinose durch übermäßigen Alkoholkonsum auftritt. Erkennbar sind oftmals eine Veränderung und Störung des Affekts, Denkens, Verhaltens und der Persönlichkeit. Charakteristisch ist auch die Unfähigkeit, objektive Erlebnisse und subjektive Erfahrungen zu unterscheiden, Störung der Kommunikationsfähigkeit und, in extremen Fällen, völlige Desintegration der Persönlichkeit.

Häufig wird die Schizophrenie mit den Psychosen in Verbindung gebracht, eine Form der endogenen Psychose. Wenn eine Schizophrenie vorliegt, ist die Persönlichkeit des Leidenden gespalten, ähnlich wie es bei Gollum aus der „Der Herr der Ringe“ – Trilogie der Fall ist, oder? Die Antwort lautet Nein, dies ist ein häufiger Fehler der Einschätzung! Eine Spaltung der Persönlichkeit ist keine Psychose und zählt ebensowenig zu der Gruppe der Schizophrenien, es handelt sich hierbei stattdessen um eine dissoziative bzw. multiple Persönlichkeitsstörung. Die Schizophrenien sind eine Gruppe der endogenen Psychosen (Katatonie, Hebephrenie und Paranoia), die auf eine „Spaltung“(gr. schizein = spalten, zerspalten) des Denkens und Handelns hindeuten. Primäre Symptome dieser Krankheit sind unter anderem Zerfahrenheit, Konzentrationsstörungen, sprachliche Inkohärenz und übertriebenes Symboldenken. Zu sekundären Symptomen dagegen zählen Verfolgungsideen, Paranoia und vor allem Halluzinationen. Die Sinnestäuschung der Halluzination ist aber nicht zu verwechseln mit der Illusion, wobei ein realer Sachverhalt verändert wahrgenommen wird, bei der Halluzination hingegen liegt eine Wahrnehmung ohne jegliche äußere Reizgrundlage vor. Außerdem treten auch noch Ängste oder unangemessenes Verhalten auf.

Eine frühe Diagnose zu erstellen ist meist sehr schwer, da die Anfangssymptome langsam und schleichend eintreten. Oftmals beginnt es mit einer Stimme, manchmal kommentiert sie auch einfach nur die momentane Aktivität. Mit der Zeit gewinnt diese unter Umständen an Stärke, es beginnen weitere hinzuzukommen, zusätzlich können beispielsweise das übertriebene Symboldenken und die Angstzustände auftreten. In ihrem Verhalten sind Schizophrene meist unberechenbar, Perioden katatonen Stupors (= völlige Gehemmtheit, teilweise sogar bis zur Nahrungsverweigerung) bis zu Phasen manieartiger Aktivität können innerhalb kurzer Zeit wechseln. Das zuvor genannte „schizein“ in „Schizophrenie“ bezieht sich außerdem nicht nur auf den inneren Zusammenhalt, sondern zudem auch auf eine Abspaltung von der sozialen Gemeinschaft, da das abnorme Verhalten der Leidenden für Außenstehende meist unverständlich und nicht nachvollziehbar ist, sie meist in sich hineinleben und nach außen hin daher oft kalt, gleichgültig und desinteressiert wirken. Eine intellektuelle Beeinträchtigung tritt dagegen eher selten auf, gelegentlich allerdings eine Herabsetzung der intellektuellen Leistungsfähigkeit, jedoch eher bei chronischen Formen. Die Merkmale einer Schizophrenie müssen aber nicht gezwungenermaßen nur bei dieser Krankheit auftreten, auch bei einer schizoaffektiven Störung oder klinischer Depression können einige dieser Symptome auftreten, was eine eindeutige Diagnose oftmals erschwert.

Ein Psychiater sagte einst zu Eleanor Longden, einer Frau mit der Diagnose Schizophrenie, sie solle lieber hoffen, sie hätte Krebs, denn das wäre einfacher zu behandeln als das, was sie habe. Das fasst die Therapie ziemlich gut zusammen, denn es ist sehr schwer möglich, eine Psychose zu therapieren, dennoch ist es nicht unmöglich. Psychotiker werden meist mit Neuroleptika behandelt, einem Medikament, das die Dopaminaufnahme im Körper blockiert, den Wahnvorstellungen und Halluzinationen entgegenwirkend. Doch bei der medikamentösen Therapie können Schädigungen des Gehirns auftreten, auch Störungen der Bewegungsabläufe zählen zu den Nebenwirkungen, manchmal verstärkt diese sogar andere Symptome.

Dennoch können Menschen mit dieser Krankheit geheilt werden, durch ein Zusammenspiel verschiedener Therapieformen, sowie ihr wachsendes Verständnis für deren Symptome und die Krankheit an sich. Ein Hinterfragen der tatsächlichen sprachlichen Symbolik kann hilfreich sein, oft auf eigene Unsicherheiten oder Ängste aufmerksam machend. Aber Fortschritte werden nicht alleine erzielt, eine Kooperation mit Psychiatern und Psychotherapeuten ist dafür nötig.

Denn die Monster leben nicht unter deinem Bett, sondern in deinem Kopf.

von Lukas Ziel