Fehler im Kopf – Psychische Störungen als Tabuthema

JokerWeißer Kittel, fettige Haare, vernarbtes Gesicht, verwischtes Makeup und ein diabolisches Lachen – so gewinnt man einen Oscar! Die Rede ist vom bereits verstorbenen Schauspieler  Heath Ledger in seiner Rolle als psychisch gestörtem Massenmörder Joker im Film „The Dark Knight“. So zog er 2010 Millionen begeisterter Besucher ins Kino und sorgte für ein Einspielergebnis von über einer Milliarde Dollar! „Psycho“ fasziniert uns anscheinend.

Aber im wirklichen Leben kann fehlende psychische Gesundheit ein durchaus heikles Thema sein. Wir reden nicht gern über diese fast schon unangenehme Angelegenheit, und selbst wenn wir es dann mal tun, reden wir sehr schlecht darüber. Und das meint sowohl unprofessionell als auch herabwürdigend. Denn „Geisteskrankheit“ wird in unserer Gesellschaft immer noch stark stigmatisiert und diskriminiert. Menschen mit Depression oder anderen seelischen Erkrankungen wird kaum Beachtung geschenkt. Man tut sie als „Psychos“, „Verrückte“, „Schwachsinnige“ und „Irre“ ab. Und nicht nur wir liegen oft falsch mit unserer Ausdrucksweise, selbst anerkannte Psychologen mit einem Doktortitel im Namen stellen in Scripted Reality-Formaten wie „Hilf mir doch“ bei RTL fehlerhafte und vereinfachende Diagnosen.

Ein extremeres Beispiel hierfür ist  die amerikanische TV-Serie „Dr. Oz – Am I normal or nuts?“ („Dr. Oz – Bin ich normal oder verrückt?“). Lasst mal folgenden Dialog auf euch wirken und bewertet dann dessen Professionalität: „Bist du wirklich komplett verrückt geworden? (…) Denn weißt du, komplett verrückte Menschen gehen nach draußen,  lutschen an Steinen und bellen den Mond an.“ Ja, ganz genau. Was hat das bitte mit dem Thema zu tun? Genannte „Symptome“ sind keinesfalls Anzeichen für eine psychische Störung, sondern zeigen höchstens, dass man ein Wolf mit Eisenmangel ist. Der Psychodoc hat die Patientin also mit einem anämischen Wolf verwechselt.

Amokläufer werden als „Irre“ abgestempelt

Einer der eindeutigsten Beweise dafür, wie wenig wir uns ernsthaft mit geistiger Gesundheit auseinandersetzen wollen, ist wahrscheinlich die Tatsache, dass wir darüber meist nur in den Nachrichten reden, wenn es um Straftaten geht, deren Täter immer zuerst als psychisch krank stigmatisiert werden. Gerade im letzten Jahr gab es eine Menge derartiger Schuldzuweisungen:  Am 18. Juli das Axt-Attentat in einem Regionalzug bei Würzburg. Die erste Reaktion zum Täter war in den meisten Medien „Psychisch krank!“, bis sich herausstellte, dass der Täter ein IS- Fanatiker war (was man in nicht-medizinischer Bedeutung von „psychisch krank“ jedoch durchaus als Synonym verwenden könnte). Am 22. Juli die Bluttat in einem Münchener Einkaufszentrum, der Amoklauf in Reutlingen und der Terroranschlag in Ansbach, beides am 24. Juli – alle Täter waren - laut der Berichterstattung - „psychisch labil“ oder „psychisch krank“. Auch in den USA ist „psychisch krank“ ein willkommener Begriff, wenn es um die Ursachenfindung bei Amokläufen geht, und um von der Diskussion über strengere Waffengesetze, welche die Amerikaner dringend nötig hätten, abzulenken. Beispielsweise gestand Mike Huckabee, ehemaliger Präsidentschaftskandidat der Republikaner, der in einem Statement zu einer Schulschießerei zuerst die Medien beschuldigt hatte und deren Handlungsspielraum gesetzlich einschränken wollte, dann schließlich ein, dass es gar nicht passiert wäre, würde man sich in der Gesellschaft intensiver mit mentaler Gesundheit beschäftigen. Es scheint also, als gäbe es nichts, was das politische Interesse an geistiger Gesundheit so stark weckt wie Massenschießereien. Und übrigens: Gouverneur Huckabees Bundesstaat Arkansas bekam während seiner Amtszeit eine 4- in Sachen psychisches Gesundheitswesen. Man kann Leute aber nicht belehren, wenn man, wie Huckabee, über ein Thema nur mangelhaft Bescheid weiß. Das ist so, als würde man einen Vortrag über deutsche Grammatik  mit den Worten „Nachdenken wir darüber besser müssen, wie wir machen Wörter Zeug.“ einleiten.

Also kann man wohl getrost sagen, dass Nachrichten über Gewaltverbrechen der schlechteste Zeitpunkt sind, um über psychische Gesundheit zu sprechen. Denn Studien haben bewiesen: „Die große Mehrheit psychisch Kranker ist nicht gewalttätig“ und „Die große Mehrheit der Waffengewalt wird nicht von psychisch Kranken begangen“! Außerdem ist bewiesen, dass psychisch Kranke weit häufiger in Gefahr sind, Opfer von Gewalttaten zu werden, als dass sie welche begehen.

So sieht es also in der Realität aus. Und genau deshalb ist es auch irreführend und unverantwortlich für einen Staat, psychische Störungen nur im Zusammenhang mit Gewalttaten anzusprechen. Das gilt übrigens auch für uns, nicht nur für den Staat. Das wäre ja, als ob Deutschland nur im Zusammenhang mit Hitler und dem 1. und 2. Weltkrieg genannt würde. Das wäre so, als würden wir nur von Flüchtlingen reden, wenn es eine Straftat gibt, die angeblich von einem Flüchtling begangen wurde. Auf Dauer würden im Unterbewusstsein einiger Menschen, zu Unrecht, nur negative Gefühle hängenbleiben und sie würden die eine Sache immer mit der anderen assoziieren. Genau das passiert eben mit dem Thema, um das sich in diesem Artikel alles dreht. Und zwar schon seit einiger Zeit. Um genau zu sein: schon immer.

Bis in die 1960er Jahre wurden die „Wahnsinnigen“ nur weggesperrt

Wenn man in die „Geschichte des Wahnsinns“ zurückblickt, dann sieht man Szenen von Folter, überfüllte psychiatrische Einrichtungen (oder wie der Volksmund zu sagen pflegt(e): „Klapsmühlen“ und „Irrenhäusern“) und von unorthodox bis bestialisch reichende Methoden, Patienten zu „heilen“. Psychisch Kranke waren schon immer die Außenseiter, ja, sogar der Abschaum der Gesellschaft. Der Umgang mit den Patienten unterschied sich in der NS-Zeit kaum von dem im Mittelalter: Keine medizinische Versorgung, Zwangseinweisung, Willkür und grausame Folter. Auch in den USA wurden Patienten in Anstalten gesperrt, die oft so schlimm waren, dass man sie auch „snake pits“, „Schlangengruben“, nannte.

Dann endlich, 1960, unterschrieb Präsident John F. Kennedy einen Vertrag, in welchem er versprach, diese Anstalten zu schließen, und die Zahl der Patienten in diesen um 50% oder mehr zu verringern. Doch diese Menschen mussten irgendwo hin, sodass einige Patienten mittleren und jungen Alters in Altersheimen untergebracht wurden. Doch es ist nun wirklich keine gute Idee, eine junge Person einfach so zu einer alten zu stecken und aufs Beste zu hoffen. Es wäre auf gleiche Weise falsch, Justin Bieber auf einem Rock-Festival spielen zu lassen: unzumutbar für alle Beteiligten.

Auch heute noch spürt man die Auswirkungen dieser Strategie in den USA.  So gibt es eine Methode, mit Menschen, die psychiatrische Hilfe benötigen, umzugehen, ironisch bezeichnet als „Windhund-Therapie“  -  und nein, es hat leider nichts damit zu tun, einen Hund zu umarmen, der, mal ganz nebenbei bemerkt, zu 90% aus Haut und Knochen besteht. Es ist eine andere Art von Windhund gemeint, nämlich die mit vier Rädern und einer kaputten Toilette. Die Rede ist von einem amerikanischen Busunternehmen namens „Greyhound“, dessen Busse im US-Bundesstaat Nevada benutzt werden, um als eine Art psychiatrische Klinik auf Rädern zu fungieren. Die „Therapie“ besteht dabei darin, psychisch Erkrankten ein One-way-Ticket auszuhändigen, sie also in die Busse zu setzen und aus der Stadt bzw. dem Bundesstaat zu transportieren. Es tut mir wirklich leid, aber man kann Menschen, die man in der eigenen Stadt nicht haben will, nicht einfach in eine andere Ortschaft abschieben, um sich des Problems zu entledigen. Wenn man das könnte, dann wäre das der Ablauf jeder Trennung eines ehemaligen Liebespaares: „Sorry, Ursula, es liegt nicht an dir, sondern an mir. Aber auf der anderen Seite bin ich überzeugt, dass dir dein neues Leben in Kanada sicher gefallen wird. Tschüs!“

Und es geht noch schlimmer: Sowohl in Amerika als auch in Deutschland enden einige psychisch Kranke sogar im Gefängnis, natürlich ohne straffällig geworden zu sein, nur weil man keine andere Unterkunft für sie findet. Für Amerika bedeutet das dann, dass zehnmal mehr hilfsbedürftige psychisch Erkrankte in Gefängnissen sind als in professioneller psychiatrischer Behandlung! Und das ist einfach unzumutbar.
Im Vergleich zu folterähnlichen Methoden in damaligen Anstalten kann man durchaus sagen, dass sich einiges zum Positiven verändert hat, aber eindeutig nicht genug. Denn laut dem Fachmagazin „European Neuropsychopharmacology“ sind ca. 164 Millionen Europäer psychisch krank. Das sind rund 38% der Bevölkerung. Durchschnittlich leiden ca. 21 Millionen der 19- bis 79- jährigen Deutschen unter einer psychischen Erkrankung. Das ist die ungefähre Einwohnerzahl von Griechenland mal zwei. Und die meisten von uns wissen mehr über Griechenland als über unser Gesundheitssystem in Hinblick auf psychische Gesundheit. Denkt mal darüber nach, dann fallen einem mindestens drei Dinge über Griechenland ein: Die Wirtschaft ist kollabiert, Aristoteles und seine ganzen Kumpels waren Griechen und momentan ist es echt günstig, dort Urlaub zu machen. Aber Spaß beiseite, denn alles in allem sind es durchaus alarmierende Fakten, wenn man bedenkt, dass lediglich ein sehr kleiner Teil der Erkrankten von professioneller Hilfe Gebrauch macht bzw. machen kann.

Enttabuisierung des Tabus – Redet darüber!

Jedoch scheint Besserung in Sicht: In den USA gibt es mittlerweile Polizei-Abteilungen, die „crisis intervention training“ anbieten. Dort werden Polizisten in Sachen Umgang mit psychisch Kranken in Notfallsituationen weitergebildet – beworben wird es als „bahnbrechendes Programm“. Das scheint schon mal ziemlich gut, aber es „bahnbrechend“ zu nennen, ist ein wenig übertrieben, denn bahnbrechende Ideen sollten keine komplett logischen und offensichtlichen Dinge sein, die wir die ganze Zeit schon hätten tun sollen. Sie sollten ausgefallen sein und die Grenzen des scheinbar Unmöglichen überschreiten! Das ist jedoch nur ein geringer Teil von dem, was sich ändern muss. Das komplette System, von Stigmatisierung und Sprache bis hin zu Polizeiarbeit und Politik, muss verbessert werden, was sicherlich nicht einfach ist. Aber wenn ich mich recht erinnere, gibt es ja einige Politiker, die behaupten, sich dafür zu interessieren, wie Mike Huckabee oder auch einige deutsche Politiker. Dann macht aber auch was dagegen, wenn ihr psychisch Kranke so oft für Gewalttaten beschuldigt, dann ist das mindeste was ihr ihnen schuldet ein Plan! Denn es geht um Menschenleben.

Von Sophia Fois