Griechisch – ein Fach stellt sich vor

Am Ende der 7. Klasse entscheiden sich die Schülerinnen und Schüler am Reuchlin-Gymnasium für eine von den drei Ausbildungsrichtungen Griechisch, Französisch und naturwissenschaftlich-technischer Zweig. Wer Lust auf etwas Besonderes hat, wählt Griechisch.

Im Folgenden wollen wir Euch einige Informationen zu diesem Fach geben:

 

Griechisch Screenshot
 
 
Die Welt der griechischen Mythologie

heraklesDie griechische Mythologie ist gerade für die Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe eine fantastische und faszinierende Welt voller Überraschungen und Abenteuer.oedipus Moderne Schriftsteller und die Filmindustrie bedienen sich reichlich und gerne aus dem Arsenal des griechischen Mythos. Es geht um den Kampf um Troja, die Irrfahrten des Odysseus, die Heldentaten des Herakles, das tragische Schicksal des Ödipus, Minotaurus, das Labyrinth und viele andere Geschichten, in denen neben Unterhaltung und Spannung auch tiefe, zeitlose Einsichten in das, was es bedeutet ein Mensch zu sein, vermittelt werden, in das Besondere, die Größe und Tragik  des Lebens.

 

Die Olympischen Spiele

coubertinDass heute alle vier Jahre Olympische Spiele veranstaltet werden, verdanken wir den Griechen.diskus antike Spätestens nämlich seit 776 v. Chr. fanden in Olympia auf der Peloponnes sportliche Wettkämpfe statt, die sich im Laufe der Zeit zum wichtigsten Sportereignis im alten Griechenland entwickelten. Nach dem Verbot der Spiele im Jahre 393 n. Chr. versanken die antiken Spielstätten nicht nur in Vergessenheit, sondern durch Feuer, Erdbeben und die Schlammablagerungen von zwei Flüssen buchstäblich unter der Erde. Als Olympia durch die Ausgrabungen des Deutschen Archäologischen Instituts im 19. Jahrhundert nach fast 1500 Jahren wieder zum Vorschein kam, war es die Idee des Franzosen Pierre de Coubertin die olympische Idee wieder aufleben zu lassen. Im April 1896 eröffnete der griechische König in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit. 

 

Götter und Tempel
Natürlich erfahren die Schülerinnen und Schüler auf ihrer Rundreise durch das antike Griechenland, auf die sie das modern gestaltete Unterrichtswerk Kairos mitnimmt, auch alles Wichtige über die griechischen Götter, ihr nicht immer vorbildhaftes Treiben, die Entwicklung der griechischen Kunst und stilistische Merkmale des griechischen Tempelbaus. Sie besuchen wichtige Kultstätten der antiken Götterverehrung, wie z.B. das Parthenon in Athen und den Zeustempel von Olympia, in dem sich einmal die berühmte Zeusstatue des Pheidias, eines der sieben Weltwunder befand. 

 
Die Schönheit Griechenlands
Dass Griechenland zu den schönsten Ländern der Welt gehört, weiß jeder, der schon einmal da war. Meer, Sonne, Landschaft, Vegetation, Menschen und Atmosphäre sind einzigartig. Darum ist Griechenland jedes Jahr gefragtes und beliebtes Ziel der legendären Studienfahrt in der Oberstufe. Mit Sicherheit ein unvergessliches Erlebnis. 
Fira Santorin 14 
 

Demokratie
Gefallenenrede PeriklesDas Wort Demokratie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Herrschaft des Volkes. Die Athener waren es, die es vor 2500 Jahren zum ersten Mal wagten in ihrem Stadtstaat anders zusammenzuleben als unter der Regierung eines Königs oder einer Gruppe von mächtigen Adligen. Dass sie darauf sehr stolz waren und wie die Menschen in der ersten Demokratie der Welt lebten, kann man bei dem Historiker Thukydides lesen. Manche Ideale der athenischen Demokratie gelten auch heute noch, einiges ist natürlich jetzt auch anders. Z.B. kann man heute nicht mehr wie damals praktisch das ganze Volk an einem Platz zusammenkommen und über wichtige Dinge abstimmen lassen.

 
 
Die Wiege der europäischen Literatur
Dass wir den Griechen mit der Ilias das erste Werk der europäischen Literatur verdanken, wurde oben schon gesagt. Nebenbei gilt dieses Epos gleichzeitig schon als Höhepunkt seiner Gattung. Aber auch praktisch alle anderen wichtigen Literaturgattungen sind Schöpfungen der griechischen Genialität, nämlich Lyrik, Prosa, Geschichtsschreibung, Roman, Dialog, Tragödie und Komödie. Die Maßstäbe, die die Meisterwerke der Griechen hier setzten, sind gewaltig, viele dienten und dienen Schriftstellern als Vorbild und regen zur Auseinandersetzung und Neuinterpretation an. Wer sich hier auskennt, hat sich nicht nur für das Studium der Altphilologie oder Germanistik, sondern für alle Fächer, in denen Literaturkenntnisse eine Rolle spielen, sehr wertvolles Wissen erworben.
 
 
Philosophie und die Entdeckung des rationalen Denkens
Dieser Beitrag ist für Schülerinnen und Schüler der 7. Jahrgangsstufe, die sich über Griechisch informieren wollen, sicher viel zu schwierig geschrieben. Macht also nichts, wenn du nicht alles liest und noch nicht alles verstehst.  Aber weil die Oberstufenschülerinnen und -schüler sich genau deswegen für Griechisch begeistern, soll in diesem Kapitel von der griechischen Philosophie die Rede sein.
Spätestens ab der 11. Jahrgangsstufe liegt im Griechischunterricht der Schwerpunkt auf der Auseinandersetzung mit elementaren philosophischen Fragen, auf der Konfrontation mit den „großen Fragen“ der menschlichen Existenz. In dem Buch “Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen“ von W. Schadewaldt heißt es dazu: „So können wir verfolgen, wie im Laufe der Jahrhunderte die Philosophie heraufkommt, ein Vorgang, der sich in dieser Weise wohl nur bei den Griechen vollzogen hat. Alles, was wir sonst an Philosophieartigem bei anderen Hochkulturen treffen, ist doch nicht identisch damit, sondern gehört nur dazu innerhalb eines größeren Horizonts. – Das zweite ist, dass keine Erscheinung der griechischen Kultur so schicksalhaft, kontinuierlich und lebendig weitergewirkt hat, wie die Philosophie. ….So könnten wir schon jetzt sagen, dass die Muttersprache der Philosophie das Griechische ist.“
Im Unterricht der 11. Klasse begegnen die Schülerinnen und Schüler zunächst in der mythischen Welt der homerischen Epen menschlichem Denken und Bewusstsein auf einer vorrationalen, noch ganz in einer mythischen Welterklärung befangenen Stufe. Die Helden orientieren sich unreflektiert an einem archaischen Standesbewusstsein und kritiklos übernommenen gesellschaftlichen Konventionen. Am Beispiel ausgewählter Texten von Lyrikern und der aufblühenden Naturphilosophie entfaltet sich vor ihnen dann die Entwicklung des kritischen, fragenden Denkens, die Entdeckung der zwingenden Kraft der Rationalität und Logik, die Lösung des Menschen aus mythischer und sozialer Gebundenheit im 6. Jahrhundert v. Chr., die Entdeckung des Ich und des Individuums, die erste „“Aufklärungszeit“ der menschlichen Geschichte mit vielen deutlichen Parallelen zur Aufklärungszeit in Europa im 18. Jahrhundert. Die Schülerinnen und Schüler entdecken dabei die Eigenart und Identität  Europas.
Von den philosophischen Fragekreisen und Problemen, die in diesem Zusammenhang aufgeworfen und diskutiert werden, soll eine Auswahl genannt werden.
Die erste echte philosophische Frage an die Welt, von der wir wissen, wurde etwa 600 v. Chr. gestellt. Es ist die Frage nach dem, woraus alles besteht, nach Aufbau und Struktur der Wirklichkeit insgesamt. Diese Kernfrage der Physik ist zum ersten Mal in Griechenland von dem Naturphilosophen Thales von Milet aufgeworfen worden.  Lassen sich Dasein und Menschsein vielleicht rein materiell erklären, wie es schon die frühen griechischen Atomisten (Leukipp und Demokrit) versucht haben und moderne materialistische Weltanschauungen (Positivismus, Szientismus)  behaupten? Oder hat Platon recht, wenn er von der unsterblichen menschlichen Seele redet? Gibt es Grund zu glauben, dass der menschliche Geist und seine Phänomene mehr sind als die Begleiterscheinung rein materieller Prozesse? Wodurch unterscheidet sich ein Mensch von einem Computer? Kann eine Maschine intelligent sein? Die Frage nach der menschlichen Seele, dem Geheimnis des menschlichen “Ich“ bestimmt nicht nur die Diskussion über das Menschenbild der Medizin und Psychologie.
In der Auseinandersetzung zwischen den Sophisten auf der einen und den Philosophen Sokrates und Platon auf der anderen Seite geht es um die Frage, ob das, was moralisch als richtig oder falsch gelten soll, zeit- und kulturabhängig ist, ob Menschen sich ihre Werte selbst geben können, eventuell nach reinen Nützlichkeitserwägungen. Sind Recht und Gerechtigkeit also relativ? Legt derjenige, der über die größte Macht verfügt, fest, was moralisch richtig ist? Endet Moral an den Landes- und Kulturgrenzen? Oder gibt es alle Menschen verpflichtende, übergeordnete Werte? Dass solche Fragen in der Gegenwart höchst aktuell sind und es immer bleiben werden, lässt sich leicht zeigen an der Diskussion über die Geltung der Menschenrechte und die Frage, ob die internationale Staatengemeinschaft das Recht oder sogar die Pflicht hat, in die Souveränität von Ländern und Gesellschaften einzugreifen, wenn diesen fundamentale Menschenrechtsverletzungen vorzuwerfen sind.
In der 12. Jahrgangsstufe lesen die Schüler als zentralen Text die “Antigone“ von Sophokles.  Hauptfigur der Tragödie ist Antigone, eine junge Frau, die in einen Konflikt mit Kreon, dem despotischen Herrn von Theben, der gleichzeitig ihr Onkel ist, gerät.  Obwohl er befohlen hatte, dass Polyneikes, der Theben angegriffen hatte und als Landesverräter im Kampf gefallen war, nicht bestattet werden darf, setzt sich Antigone über dieses Verbot hinweg und beerdigt den Bruder symbolisch. Sie bezahlt dafür mit ihrem Leben. Die Tragödie wirft die Frage auf, inwieweit das Individuum das Recht hat, sich den Ansprüchen staatlicher Autoritäten zu verweigern, ob es auch für Macht und Autorität moralische Grenzen gibt. Sie gibt gleichzeitig Einblick in die tiefe Einsicht des Dichters in die Tragik des Menschseins, in die Spannungen zwischen den “Realitäten“, mit denen sich Menschen konfrontiert sehen, und den  Idealen, denen sie sich verpflichtet fühlen.
Im letzten Halbjahr in der Oberstufe geht es mit der Lektüre von Platons “Politeia“ und der “Politik“ von Aristoteles um die Frage, wie das Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft gelingen kann, um die Frage nach der besten Verfassung eines Staates. Dabei werden verschiedenste Gesellschaftstheorien der Vergangenheit und Neuzeit in die Diskussion einbezogen. Höhepunkt der Lektüre ist das berühmte Höhlengleichnis Platons und die “Ideenlehre“.
 
Natürlich können die kurzen Ausführungen nicht mehr als einen oberflächlichen Eindruck in die Ziele und Unterrichtsinhalte im Griechischunterricht vermitteln, aber vielleicht lassen sie erahnen, was der Dichter Hölderlin gemeint hat, als er in seiner Hymne “Der Archipelagus“ die Frage stellt: „Sage, wo ist Athen?“
Die Antwort lautet, Athen liege im modernen Menschen verborgen und die Welt werde nur gerettet werden, wenn sie zum Parthenon heimkehrte…